Warum wir
funktionieren statt leben.
Gesprochen von Andrea Schmidt · ca. 5 Minuten
Du sitzt in einem Meeting. Du weisst was zu sagen ist. Du sagst es. Alles laeuft. Und trotzdem bist du nicht wirklich da. Funktionieren statt leben schleicht sich an. Leise. Oft unbemerkt. Bis du dich fragst: Was mache ich hier eigentlich?
Du erledigst was erledigt werden muss. Du lieferst was erwartet wird. Du bist zuverlaessig, kompetent, praesent. Von aussen sieht es gut aus. Innen laeuft ein anderes Programm. Eines das du nicht bewusst gewaehlt hast, das aber seit Jahren laeuft.
Typische Muster. Erkennst du dich?
Du sitzt in einem Meeting und weisst genau was zu sagen ist. Du sagst es. Alles laeuft. Und trotzdem bist du nicht wirklich da. Als wuerde jemand anderes diesen Job machen. Jemand der sehr gut kann was du gelernt hast. Aber nicht du.
Oder du kommst abends nach Hause. Hast geliefert. Funktioniert. Alles erledigt. Und sitzt da mit einer Muedigkeit die nichts mit dem Tag zu tun hat. Eine Muedigkeit die tiefer sitzt. Die schon da war bevor der Tag begann.
Oder du merkst dass du Entscheidungen triffst ohne wirklich zu fuehlen was du willst. Du fragst dich was erwartet wird. Was vernuenftig ist. Was andere tun wuerden. Aber nicht: Was will ich? Diese Frage stellt sich gar nicht mehr. Weil du laengst aufgehoert hast ihr zu vertrauen.
Das gilt beruflich wie privat. In Beziehungen. In Freundschaften. Ueberall wo du dich angepasst hast statt gelebt.
Das Verraeterische daran ist, dass es sich lange nicht falsch anfuehlt. Funktionieren hat seine eigene Logik. Es bringt Ergebnisse, Anerkennung, Sicherheit. Erst wenn die Energie anfaengt zu fehlen, wenn die Leere groesser wird als der Antrieb, beginnt die eigentliche Frage.
Carl Jung nannte das die Persona. Die Maske die wir der Welt zeigen. Sie ist nicht boese. Sie hat uns geholfen dazuzugehoeren, akzeptiert zu werden, sicher zu sein. Das Problem entsteht wenn wir die Maske so lange tragen dass wir vergessen was darunter ist. Wenn die Persona wichtiger wird als das Selbst.
Wann Funktionieren zur Erschoepfung wird
Es gibt Phasen wo Funktionieren sinnvoll ist. Krisen, Uebergaenge, Zeiten wo Stabilitaet zaehlt. Das ist nicht das Problem.
Das Problem entsteht wenn es zum Dauerzustand wird. Wenn du nicht mehr weisst wie es sich anfuehlt eine Entscheidung aus echtem Wollen zu treffen statt aus Pflicht, Erwartung oder Gewohnheit. Wenn du nach aussen reibungslos laeuft und innen laengst auf Reserve fährst.
Das ist eine bestimmte Art von Erschoepfung die sich schwer benennen laesst. Nicht Erschoepfung vom Tun. Erschoepfung davon, nicht du zu sein. Tag fuer Tag. In Meetings, Gespraechen, Entscheidungen. Immer ein bisschen neben dir.
Was wirklich dahinter steckt
Vielleicht hast du dir nie die Frage gestellt ob das Leben das du lebst wirklich deins ist. Nicht weil du nicht nachdenkst. Sondern weil du nie Zeit hattest innezuhalten.
Du hast geliefert. Funktioniert. Weitergemacht. Und irgendwann merkst du dass du dich in dem was du aufgebaut hast nicht mehr findest. Nicht weil es falsch ist. Sondern weil du nie gefragt hast ob es zu dir gehoert.
Das ist kein Versagen. Das ist das Ergebnis eines Lebens das nach aussen ausgerichtet war. Nach Erwartungen, Normen, dem was als richtig gilt. Diese Massstabe sind nicht boesartig. Aber sie sind nicht deine. Und solange du nach ihnen lebst ohne je zu pruefen ob du sie wirklich willst, lebst du ein geborgtes Leben.
Was wir im Beruf wirklich suchen
Manchmal suchen wir im Beruf was im Leben fehlt. Das Team als Zugehörigkeit. Den Chef als Orientierung. Die Anerkennung als Beweis dass wir genug sind.
Das sind keine bewussten Entscheidungen. Es sind alte Programme die still mitlaufen. Die Freude am Team die eigentlich Sehnsucht nach Zugehörigkeit ist. Das Bemuehen um Harmonie das eigentlich People Pleasing ist. Die Erschoepfung wenn die Dynamik im Team sich anfuehlt wie Kindergarten statt Zusammenarbeit.
Warum wir automatisch reagieren
Das Unterbewusstsein reagiert nicht auf Argumente. Es reagiert auf das was es kennt. In Bruchteilen von Sekunden, bevor der Verstand eingreifen kann, hat es bereits entschieden wie es die Situation einordnet. Ob jemand sicher ist. Ob eine Situation Gefahr bedeutet. Ob du dich zeigen darfst oder lieber unsichtbar bleibst.
Diese Programme wurden nicht heute geschrieben. Sie entstanden in der Kindheit, als Strategien zum Ueberleben. Als Anpassung an das Umfeld, an die Eltern, an das was Zuneigung brachte und was Ablehnung. Damals waren sie sinnvoll. Heute laufen sie weiter, auch wenn die Situation laengst eine andere ist.
Frauen tragen dabei oft eine zusaetzliche Schicht. Sie wurden haeufiger darauf konditioniert zu harmonisieren, zu vermitteln, zu gefallen. Beduerfnisse zurueckzustellen. Im Beruf bedeutet das: mehr Energie fuer das Beziehungsgeflecht, weniger fuer die eigene Ausrichtung. Maenner werden oefter auf Ergebnis trainiert. Frauen auf Zugehoerigkeit. Beides hat seinen Preis. Aber der Preis fuer Frauen ist oft stiller und laenger unsichtbar.
Jung nannte das den Schatten. Alles was wir verdraengt haben. Beduerfnisse. Gefuehle. Anteile von uns die wir gelernt haben zu verstecken weil sie nicht willkommen waren. Der Schatten verschwindet nicht wenn wir ihn ignorieren. Er wirkt im Hintergrund. Leise. Aber kraftvoll. In unseren Reaktionen. In unseren Beziehungen. In dem Gefuehl das wir nicht benennen koennen aber deutlich spueren.
In den Keller zu gehen bedeutet nicht im Dunkeln zu sitzen. Es bedeutet Licht mitzunehmen. Hinzuschauen was dort wartet. Und zu entscheiden was davon noch zu dir gehoert und was nicht.
Gerald Huether beschreibt diesen Moment als den Beginn echter neuronaler Veraenderung. Das Gehirn braucht keine Willenskraft um sich zu veraendern. Es braucht Bedeutsamkeit. Den Moment wo etwas wirklich wichtig wird. Wo wir nicht mehr funktionieren wollen. Sondern leben. Genau dieser Moment veraendert die Struktur unseres Denkens. Dauerhaft.
Jeder betritt die Bühne. Spielt seine Rolle. Geht wieder. Der Vorhang schliesst sich. Und wer sich nicht fragt welche Rolle er wirklich spielen will, spielt weiter die die ihm zugewiesen wurde. Bis der naechste Akt beginnt. Im naechsten Job, mit den naechsten Kollegen, auf derselben Bühne.
Was der Weg zurueck braucht
Es braucht Stille. Nicht als Belohnung, sondern als Voraussetzung. In der Stille zeigt sich was wirklich ist, wenn der Laerm des Alltags und der Erwartungen aufhoert.
Es braucht Begleitung. Nicht von jemandem der dir sagt wer du sein sollst. Sondern von jemandem der selbst den Unterschied zwischen Funktionieren und Leben kennt. Aus eigener Erfahrung.
Und es braucht die Bereitschaft, eine Zeit lang nicht zu wissen. Nicht zu wissen wer du bist wenn du aufhoerst zu leisten. Nicht zu wissen wohin der Weg fuehrt. Diese Ungewissheit ist kein Zeichen dass etwas falsch laeuft. Sie ist der Anfang von etwas Echtem.
Was moeglich wird wenn du aufhoerst zu funktionieren
Nicht sofort etwas Strahlendes. Zuerst oft Stille. Manchmal Leere. Das Gefuehl dass der Boden fehlt.
Und dann, langsam, etwas anderes. Entscheidungen die sich richtig anfuehlen weil sie aus dir kommen statt aus Erwartung. Beziehungen die echter werden weil du echter wirst. Eine Energie die sich nicht mehr verbraucht anfuehlt sondern traegt.
Das ist kein Versprechen. Es ist eine Beobachtung. Von jemandem der diesen Weg gegangen ist und weiss wie er sich anfuehlt. Funktionieren statt leben war einmal mein Normalzustand. Heute weiss ich den Unterschied. Was diesen Unterschied ausloest habe ich im dritten Beitrag beschrieben: Der Unterschied zwischen Flucht und Konsequenz.
Leben beginnt dort wo das Funktionieren aufhoert. Nicht danach. Genau dort.
Naechster Beitrag
Was passiert wenn Beziehungen funktionieren statt leben. Wenn Partnerschaften sich wie eine GmbH anfuehlen und Freundschaften wie Verpflichtungen. Darum geht es im naechsten Beitrag.
Wenn du spuerst dass du laenger funktionierst als lebst, kann ein Gespraech der erste echte Schritt sein. Das Erstgespraech ist kostenfrei, unverbindlich und findet auf Deutsch statt.
Erstgespraech anfragen →
